Entstehung


Wie können wir das digitale Wissen unserer Gesellschaft verantwortungsvoll gestalten? In zwei Workshops kamen mehr als 40 Personen – darunter Sozialwissenschaftler, Mitglieder des FabLab Karlsruhe und interessierte Bürger – zusammen, um gemeinsam dieser Frage nachzugehen. Sie erstellten das Karlsruher Manifest für digitales Wissen. In interaktiver Weise beschäftigten wir uns mit der Digitalisierung von Wissen, Verantwortung und Innovationen. Dabei wurde nicht nur diskutiert, sondern auch praktisch ausprobiert, was es für neue (technische) Möglichkeiten des Teilens von Wissen gibt. Die Workshops waren inspiriert von der Open Source Bewegung und der neuen Kultur offener Werkstätten wie des FabLab Karlsruhe. Mit ihrem je unterschiedlichen Wissen trugen alle Teilnehmer zur Gestaltung des Manifests bei.

Das Projekt hat im Hochschulwettbewerb 2014 „Mehr als Bits und Bytes – Nachwuchswissenschaftler kommunizieren ihre Arbeit“ gewonnen. In dem Wettbewerb wurden deutschlandweit 15 Projekte junger Forscher ausgezeichnet, die mit dem Preisgeld von je 10.000 Euro durchgeführt werden konnten. Der Hochschulwettbewerb stand im Zeichen des von „Wissenschaft im Dialog“ und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerichteten Wissenschaftsjahres 2014 – Die digitale Gesellschaft.

netz

Welche Form soll das digitale Netzwerk, das unsere Gesellschaft mitgestaltet und von ihr gestaltet wird, in Zukunft annehmen? Welche Knoten bekommen die größte Relevanz?

 

Der erste Workshop am 11. Oktober 2014 startete die Produktion des Manifests mit den drei Themen „Vergessen im Netz“, „Daten von denen wir nichts wissen (Datensammelwut)“ und „Geistiges Eigentum und Digitales Wissen“. Julia Hahn und Christoph Schneider gaben zu Beginn einen ersten Einblick in Denkansätze der Technikfolgenabschätzung und erklärten insbesondere das Konzept „Responsible Innovation“ (verantwortungsvolle Innovation). Die zentrale Forderung dieses Konzeptes, welches es bis in die Forschungsförderung der EU geschafft hat, ist, dass verschiedene Akteure aus Öffentlichkeit, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung von Innovationen übernehmen und aufeinander reagieren. „Bessere Innovationen für eine bessere Gesellschaft“ ist die Hoffnung, die mit dieser angestrebten Umordnung von Innovationsprozessen einhergeht. Das Projekt Workshop-Wissenschaft versteht sich als experimentelle Umsetzung dieser Forderung im Kleinen – und FabLabs als neue, offene Orte für Innovationen passen gut dazu.

Die rund zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die Chancen und Gefahren der digitalen Gesellschaft in Gruppen und erarbeiteten erste Thesen für das geplante Manifest. Die Frage, die in den thematischen Arbeitsgruppen im Raum stand, war, wie das Internet der Zukunft und mit ihm das digitale Wissen aussehen sollten. In der darauffolgenden Praxisphase wurde das theoretische Wissen mit praktischen Beispielen verknüpft. Dabei wurde eine Schachfigur gedruckt, die Möglichkeiten von CAD erläutert und das Prinzip eines Lasercutters erklärt. In der dritten Phase galt es die zuvor formulierten Thesen zu präzisieren und erste Entwürfe zu präsentieren. Im Laufe des Workshops wurden spannende neue Theorien besprochen und Probleme aus unterschiedlichsten Sichtweisen betrachtet. Da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen kommen, gab es immer wieder Aha-Effekte.

workshops

 

Im zweiten Workshop am 8. November 2014 beschäftigten sich die rund 30 Interessierten mit den Themen „Bildung und digitales Wissen“, „Politik des digitalen Wissens“ und „Analoges vs. digitales Wissen“. Nach einer kurzen Einführung ging es auch schon los mit der ersten Theoriephase. Hier galt es das Thema grob abzustecken, Befürchtungen und Hoffnungen zu thematisieren und die Grundlage für die drei Thesen zu legen.
Im anschließenden Praxisteil wurden spannende Projekte vorgestellt, die das Thema verantwortungsvolle Innovation zur Grundlage haben und mit denen die Workshopteilnehmer ein vertieftes Verständnis von „ihren“ Themen bekommen sollten. Vorgestellt wurden die FabLab-Projekte „Press to Pain“, in dem eine Art Armband entwickelt wird für Menschen, die unter autoaggressivem Verhalten leiden; „House5k“, in dem mit einem 3D-Drucker ein Haus gedruckt werden soll, das nicht mehr als 5000€ kostet; der Lasercutter „Lasersaur“ wurde vorgestellt; die Manifest-Homepage wurde konzipiert und konnte auch gleich online gehen und mit Arduino wurden Mini-Computerspiele programmiert. Die praktischen Erfahrungen nahmen die Teilnehmer in die zweite Theoriephase mit und diskutierten noch einmal intensiv die Thesen. Am Ende des Workshops konnten alle drei Gruppen druckreife Thesen vorstellen, die nicht nur online verfügbar sein werden, sondern auch in einem analogen Manifest erscheinen werden.

Frei nach dem Motto „Bier und Wissenschaft passen gut zusammen!“ feierten wir am 22. November 2014 unsere Manifesto Release Party im Perfekt Futur auf dem Gelände des Alten Schlachthofs. Die Wahl der Location war naheliegend, fühlen wir uns doch nicht nur dank des FabLabs der kreativen Gründerszene des neuen Alten Schlachthofs verbunden.

Nach einer kurzen Vorstellung der Workshophreihe und dem Hintergrund des gesamten Unterfangens, widmeten wir uns den praktischen Seiten. An verschiedenen Stationen präsentierten Mitglieder des FabLabs ihre Projekte. Der 3D-Drucker druckte ein Modell des House5k, Press to Pain wurde vorgestellt und zwischen den zwei Stationen konnten die Arduino-Spiele ausprobiert werden. Das absolute Highlight jedoch war der endlich in Betrieb genommene Lasercutter Lasersaur. Interessierte konnten ihr eigenes Design auf Papier entwerfen, das dann via Computer an den Lasersaur übermittelt und auf einer Spiegelfliese für die Ewigkeit festgehalten wurde. So kurz vor Weihnachten ein ausgefallenes Geschenk, das digitales Wissen in Form von Open Source mit künstlerischer Praxis verbindet.

Auf jeden Fall ein gelungener Abend mit dem wir uns bei allen Mitwirkenden bedanken wollten, die die Workshopreihe Digitales Wissen und Du! erst möglich gemacht haben. Prost!

 

Netzwerkstrukturen: Adaption nach Baran, Paul. “On Distributed Communications Networks.” Communications Systems, IEEE Transactions on 12.1 (1964): 1–9

Fotos: Irina Westermann und Wolfgang Kraft

 

Medienresonanz

“Bevor wir die Kontrolle verlieren. Das Karlsruher Manifest zur Digitalisierung des Wissens” Radiobeitrag, Junger Kulturkanal, 12.11.2014

“Manifest des digitalen Wissens”, StadtZeitung Karlsruhe, 28.11.2014

“Welches Netz wollen wir?”, Radio KIT, 27.11.2014

“Geistiges Eigentum? Recht auf Vergessen? Freiheit im Netz?”, LooKIT, Ausgabe 4/2014

Nachwort

Mit diesen Workshops haben wir uns auf ein Experiment eingelassen. Über 40 Menschen haben sich dabei interaktiv im FabLab Karlsruhe über digitale Veränderungen in unserer Gesellschaft ausgetauscht. Dabei ging es auch an die Digitalisierung selbst: Maschinen wie 3D-Drucker oder Lasercutter, die erst durch digitales Wissen geschaffen und interaktiv benutzt werden, wurden zum elementaren Teil des Prozesses. Technisches trifft soziale Interaktion. In den Workshops wurden Digitalisierung und Technik erlebt und sich darüber ausgetauscht, welche Innovationen überhaupt erst durch die Digitalisierung möglich werden. Es ging aber auch um die Schattenseiten der digitalen Gesellschaft.
Darüber ist das „Karlsruher Manifest des digitalen Wissens“ entstanden – die eigentliche Innovation. Gemeinsam entsteht ein Manifest des digitalen Wissens; mit Forderungen, Wünschen und Grenzen. Ein Anstoß für öffentliche Diskussionen.
Für uns als Wissenschaftler zeigen sich hier Wege zu verantwortungsvollen Innovationen. Es geht darum Wissensprozesse so zu verändern, dass verschiedene Akteure aufeinander eingehen, um technische Innovationen an tatsächliche gesellschaftliche Bedürfnisse anzupassen. Neben der Technik brauchen wir auch soziale Innovationen. Dabei muss sich auch Wissenschaft auf Experimente im ‚echten Leben’ einlassen. Nur so lässt sich herausfinden, welche Zukunft wir durch Wissenschaft und Innovationen mitgestalten wollen, gerade unter Bedingungen der Unsicherheit, Ambivalenz und Komplexität – Zukunft ist offen.

Für das Mit-Experimentieren danken wir Alicia Gutting für die Unterstützung hinter und vor den Kulissen, Maik Fox, Sebastian Höfer, Christof May, Oliver Reuther und Timo Steuerwald für ihre frühe Unterstützung der Idee, Technikfolgenabschätzung und FabLab zusammen zu bringen, allen Helferinnen und Helfern im FabLab Karlsruhe e.V., Antje Di Foglio für die Grafik, Bernardo Cienfuegos für das Video, und unseren Kolleginnen und Kollegen Claudia Brändle, Anika Hügle, René König und Philipp Schrögel für die Moderation. Wir möchten uns auch bei den Initiatoren des Hochschulwettbewerbs 2014 “Mehr als Bits und Bytes – Nachwuchswissenschaftler kommunizieren ihre Arbeit” bedanken. Unser größter Dank gilt allerdings allen Interessierten, die ihr Wissen in die Workshops und das Manifest eingebracht haben.

Julia Hahn, Christoph Schneider

 

Links
www.itas.kit.edu
www.fablab-karlsruhe.de
www.hochschulwettbewerb2014.de/gewinner/welches-wissen-wollen-wir-workshops.html

 

Karlsruher Institut für Technologie
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse

Julia Hahn, Christoph Schneider
Karlstraße 11
76133 Karlsruhe
Deutschland

Kontakt: julia.hahn@kit.edu und christoph.schneider3@kit.edu