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Manifest

Die digitale Gesellschaft steckt noch in ihren Anfängen. Und doch lenkt die Digitalisierung unsere Gesellschaft und ihr Wissen in neue, nie dagewesene Bahnen. Aber oft halten uns festgefahrene Muster und die schnellentfaltenden Kräfte der Digitalisierung selbst davon ab, diese Umwandlungen verantwortungsvoll zu formen. Um eine demokratische Gestaltung dieser Entwicklungen zu ermöglichen, ist es wichtig, dass Öffentlichkeit, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Dies muss durch öffentliche Diskurse, Information und die Einbeziehung von vielen verschiedenen Menschen geschehen. Durch Digitalisierung verbinden sich Technisches und Soziales neu. Wir müssen insbesondere sozial innovativ werden, um die technische Seite dieser Transformation für positiven gesellschaftlichen Wandel zu nutzen.

Aus diesen Zusammenhängen ist das Karlsruher Manifest des digitalen Wissens im Herbst 2014 in einem öffentlichen, interaktiven Prozess entstanden. Es markiert ein Ergebnis und gleichzeitig einen Anfangspunkt. Das Manifest greift aktuelle Themen auf, bleibt aber im Charakter der sich ständig verändernden Digitalisierung weiterhin wandelbar.

 

Die Digitalisierung des Wissens ist unaufhaltsam. Sie macht das weltweite Wissen in nie dagewesener Weise verfügbar. Digitalisierung bedeutet allerdings immer einen Informationsverlust, subjektive Blickwinkel und objektiv-technische Grenzen; sie kann ein analoges Objekt nie vollständig ersetzen.

Durch die rasante technische Entwicklung und die Veränderung des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissen ist eine ständige und fortlaufende Auseinandersetzung und Neubewertung von Chancen und Risiken der Digitalisierung des Wissens unabdingbar.

Das Mehr an Informationen bedeutet nicht zwangsläufig ein Mehr an Qualität. Es braucht Formen der Strukturierung und Bewertung von Wissen. Hierbei sind auch Eigenverantwortung und Reflexion von den Nutzerinnen und Nutzern gefragt.

 

Digitalisierung verändert auf grundlegende Weise unser Wissen, unser Verhältnis zur Welt, zu anderen und zu uns selbst. Wir können mehr Wissen als je zuvor. Dadurch kann das digitale Zeitalter die neue Aufklärung werden.

Alle Menschen, jüngere wie ältere, müssen hierzu souverän mit Medien und Informationen umgehen können. Die Wege, um dies zu erreichen, müssen besser ausgebaut und neu gefunden werden.

Bildungsträger und –akteure müssen autonomer handeln können, um die Trägheit des Bildungssystems zu überwinden. Zudem sollten offene Bildungsinitiativen vom Staat unterstützt werden, um Bildungseliten und eine Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden.

 

Internetnutzerinnen und -nutzer erzeugen eine unfassbare Menge an Daten. Riesige Datenströme werden auf undurchsichtige Weise erfasst, gespeichert, verarbeitet und für verschiedenste Zwecke durch Firmen, Staaten und andere genutzt.

Es braucht eine breite Aufklärung über die Möglichkeiten und Praktiken des Datensammelns und über die Wichtigkeit eines richtigen Umgangs mit Daten. Transparenz muss geschaffen werden, damit Einzelne nachvollziehen können, was mit Daten über sie geschieht.

Während die einseitige Nutzung von Datenmengen zu rein gewerblichen oder überwachenden Zwecken beschränkt werden muss, sollten Möglichkeiten der Datennutzung für das Gemeinwohl erhalten bleiben.

 

Das Internet speichert zunächst alles, was es sich einverleibt, auf unbestimmte Zeit. Dabei ist das Vergessen ein wichtiger Mechanismus menschlicher Kultur. Neben tiefen Einblicken in die Gesellschaft und ihre Geschichte stehen immer mehr öffentlich ausgestellte Details aus dem Leben Einzelner im digitalen Archiv.

Einzelnen muss ermöglicht werden, zu entscheiden, was über sie ins Internet kommt und ob es dort verbleiben soll. Doch müssen Wege gefunden werden, die sich ändernde Relevanz von Wissen zu berücksichtigen und den schmalen Grat zwischen einem Recht auf Vergessen und Zensur nicht zu überschreiten.

Allerdings gibt es auch ein Recht der Gesellschaft auf Erinnern. Unter anderem muss freiwillig geteiltes und bereitgestelltes Wissen zugänglich bleiben.

 

Digitalisierung ermöglicht neue Formen öffentlichen Austausches und politischer Willensbildung, aber sie fordert die institutionalisierte Politik in hohem Maße heraus. Auch im Digitalen müssen Menschen- und Bürgerrechte gelten und gegebenenfalls ergänzt werden. Hierfür müssen Bürgerinnen und Bürger und Politik Verantwortung übernehmen.

Es ist Aufgabe der Politik zu lernen, mit digitalem Wissen umzugehen und im Laufe der Geschichte erstrittene Rechte wie das Grundrecht auf Privatsphäre zu schützen und durchzusetzen.

Es braucht Regeln und Grenzen für die Erhebung und den Umgang mit Daten. Hierzu ist eine tief gehende Abschätzung der Risiken und Chancen der Gestaltung von Datenmengen notwendig, die sich einem sparsamen Umgang mit Daten verschreibt.

 

Das Internet verbindet alle mit allem und ermöglicht eine nie dagewesene Produktion und Verteilung von Wissen. Jedoch klammert sich der ökonomische Umgang mit Wissen an Jahrhunderte alten Auffassungen von geistigem Eigentum fest. Gegen das Wissen als Privateigentum stehen die neuen Wissensgemeingüter, welche das Internet ermöglicht.

Statt der verzweifelten Versuche, Wissen an wirtschaftliche Verwertbarkeit zu binden, sollten neue ökonomische Modelle gesucht werden, die freies Wissen und gerechtes Auskommen für Wissensproduzenten ermöglichen.

Wissen sollte frei und für alle Menschen zugänglich sein. Freies, öffentlich zugängliches und veränderbares Wissen korrespondiert mit einer freien, offenen und innovativen Gesellschaft, welche die positiven und negativen Seiten von offenem Wissen zu gestalten weiß.

Karlsruhe, 22. November 2014

Unterzeichnen

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner

Name
Name
Ewa Markindorf
Nora Weinberger
Gerd Keller
Dr. Jürgen Hoffmann
Andreas Rieder
Norbert Skurcz
Jonas Moosmüller
Len Piltz
Dominik Poncette
Philipp Schrögel
Alicia Gutting
Julia Hahn
Christoph Schneider

2 comments

  • Sascha

    Hmm, das Manifest finde ich super und ich stimme fast allen Punkten zu. Aber ich reibe mich ein wenig an einer Winzigkeit: “Während die einseitige Nutzung von Datenmengen zu rein gewerblichen oder überwachenden Zwecken beschränkt werden muss, sollten Möglichkeiten der Datennutzung für das Gemeinwohl erhalten bleiben”. Da “beschränken” und “erhalten” gegenübergestellt werden, bekommt “beschränken” den Beigeschmack von “verbieten” (oder anderer, nach unschöner Gegenbegriffe zur “Erhaltung”). Warum sollten die “Möglichkeiten der Datennutzung für das Gemeinwohl” überhaupt “erhalten” bleiben? Warum nicht “erweitert” oder “ausgebaut”? Sprich: warum so konservativ in der Wortwahl? Und was ist überhaupt problematisch an der gewerblichen Nutzung von Daten? Erstmal wenig m.E.: Wirft man (privat) gewerbliche und (staatlich) überwachende Datennutzung in einen Topf verharmlost man tendenziell letztere und geht dem typisch deutschen Google-Bashing (und seinen Geschwister-Praktiken) auf den Leim. Zudem: Wenn man im digitalen Raum eine Praxis (etwa: gewerbliche Detennutzung) “beschränken” will, muss man ggf. ein Ausmaß an Kontrolle ausüben, was einem sonst durchaus zu Recht Bauschschmerzen bereiten würde.

    • Christoph

      Hi Sascha, vielen Dank für deine Rückmeldung zum Manifest und deine Gedanken dazu. Du bringst eine wichtige Unterscheidung ein, die das Manifest nicht so deutlich gemacht hat. Das Manifest versteht sich in seiner jetzigen Form nicht als in Stein gemeißelte endgültige Wahrheit, sondern möchte öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Thema anregen. Daher auch die Kommentarfunktion auf der Seite. Weitere Anregungen, Kritiken und Vorschläge sind entsprechend willkommen. Vielleicht ensteht so in Zukunft auch eine Version 2.0 des Manifests.

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